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Kirche und Satire

Aus der Gemeinde

Kirche und Satire in der Ev. Kirche in Nohen am Samstag, 13. Mai 2017



Imageberaterin für Martin Luther

Bericht der Nahe-Zeitung vom 17.05.2017

Kabarett Von Talkshows, Kirche und Kondomen





„Herr Dr. Luther!“ – wenn Ute Niedermeyer so anfängt, kann man sich gut vorstellen, wie Martin Luther zusammenzuckt und sich fragt: „O Gott, was hat die jetzt wieder an mir rumzumeckern?“ Ute Niedermeyer ist Kabarettistin, sie gibt in dieser Szene in der kleinen Kirche in Nohen die Imageberaterin für den Reformator und sagt dem Unsichtbaren in schönstem Hessisch, was er heute, 500 Jahre nach seiner besten Zeit, anders machen müsste, um beim Volk anzukommen. Zum Beispiel keine 95 Thesen mehr entwerfen, das ist viel zu lang, heute liest es keiner mehr bis zum letzten Satz. 30, ja, das geht, aber mehr nicht.

Ute Niedermeyer ist Kirchenkabarettistin, zusammen mit Antonia Jacob trat sie in der kleinen Kirche in Nohen auf. Kirchenkabarett? Das hört sich ein bisschen steif an, nicht gerade nach einem unterhaltsamem Abend und spitzer Zunge. Wie man sich irren kann: Die beiden zeigten frische und bissige Satire, Niedermeyer lästerte über die unglücklichen Wohlstandsdeutschen und Luther, sie witzelte über den typischen Hessen, der beim Stichwort innere Reinigung nicht zu beten anfängt, sondern sich einen Äppelwoi genehmigt. Antonia Jacob sang und spielte Gitarre: mit selbst geschriebenen Texten und überdrehten Szenen, mit Liedern, die oft an Reinhard Mey erinnern.

Die beiden haben ihr viertes Kabarettprogramm aufgelegt, in Nohen sind sie zum zweiten Mal. Ihr Auftritt vor Jahren hatte sich offenbar herumgesprochen: Diesmal seien mehr Zuschauer gekommen als damals, erzählte Rimsbergs Ex-Ortsbürgermeister Werner Schmitt in einem Pausengespräch. Gut 70 Zuhörer waren diesmal in der Kirche, es gab keine freien Plätze.

Und anscheinend hat auch das Duo Niedermeyer/Jacob den ersten Auftritt in Nohen geschätzt: Sie hatten die kleine Kirche für die Premiere ihrer aktuellen Aufführung „Kirche 4.0“ ausgesucht, informierte Pfarrerin Ira Köhler. Das bedeutet auch: Am Publikum in Nohen haben die beiden Kabarettistinnen getestet, welche von ihren Szenen und Liedern ankommen und an welchen noch gearbeitet werden muss.

Im für diesen Abend himmelblau ausgeleuchteten Altarraum spielten die beiden ihre Rollen. Jacob hat in ihren Texten eigene Erfahrungen verarbeitet oder nimmt den Stoff aus dem kirchlichen Leben, das gelegentlich nicht frei ist von Satire. Zum Beispiel das Kondom mit dem Luther-Spruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, eine Idee der evangelischen Jugend: Die Kirche zog es wieder zurück, aber eine Kabarettistin lässt sich eine solche Chance natürlich nicht entgehen.

Ute Niedermeyer hat ihre Texte aus Programmen anderer Autoren übernommen, von Hanns Dieter Hüsch zum Beispiel, dessen „religiöse Mitteilungen“ sie zitiert, oder vom Babenhäuser Pfarrerkabarett, bei dem sie sich gern bedient. Die Imageberatung für Luther hat sie von der „Bruder- und Schwester-GmbH“ übernommen. Die gibt dem Kirchenmann Tipps, wie er im Jahr 2017 beim Volk ankommen kann. Ein Spruch wie „Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht“ hört sich an wie Waschmittelreklame, sagt die Imageberaterin.

Sie empfiehlt dem Reformator, in Talk-Shows zu gehen, warnt ihn vor „SternTV“, das ihn ruck zuck mit einer rechtsradikalen Gruppe in Verbindung bringen würde, und darüber hinaus vor der Sendereihe „Report“, die bei ihren konspirativen Recherchen wahrscheinlich herausfinden würde, dass Luther seit Jahren Geld von den Linken erhält.

Nahe Zeitung vom Mittwoch, 17. Mai 2017, Seite 13





 
 
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